Zu einem Igel sprach die Schlange

"Der größte Teil der Fabeln hat Tiere, und wohl noch geringere Geschöpfe, zu handelnden Personen - Was ist hiervon zu halten? Ist es eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, daß die Tiere darin zu moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem Dichter die Erreichung seiner Absicht verkürzt und erleichtert? Ist es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man aber zu Ehren des ersten Erfinders beibehält, weil er wenigstens belustigend ist?

...wieviel Personen sind wohl in der Geschichte so allgemein bekannt, daß man sie nur nennen dürfte, um sogleich bei einem jeden den Begriff von der ihnen zukommenden Denkungsart und andern Eigenschaften zu erwecken?

...Man setze, in der Fabel von dem Wolfe und dem Lamme, anstatt des Wolfes den Nero, anstatt des Lammes den Britannicus, und die Fabel hat auf einmal alles verloren, was sie zu einer Fabel für das ganze menschliche Geschlecht macht. Aber man setze anstatt des Lammes und des Wolfes den Riesen und den Zwerg, und sie verliert schon weniger, denn auch der Riese und der Zweig sin Individua, Charakter, ohne weitere Hinzutuung, ziemlich aus der Benennung erhellet.

...Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntnis eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere Erkenntnis mehr als die Leidenschaften. Folglich muß der Fabulist die Erregung der Leidenschaften soviel als möglich vermeiden. Wie kann er aber anders z. B. die Eregung des Mitleids vermeiden, als wenn er die Gegenstände desselben unvollkommener macht und anstatt der Menschen Tiere oder noch geringere Geschöpfe annimmt?" (aus: G. E. Lessing, Abhandlungen über die Fabel)

Über dieses Buch

"Der größte Teil der Fabeln hat Tiere, und wohl noch geringere Geschöpfe, zu handelnden Personen - Was ist hiervon zu halten? Ist es eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, daß die Tiere darin zu moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem Dichter die Erreichung seiner Absicht verkürzt und erleichtert? Ist es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man aber zu Ehren des ersten Erfinders beibehält, weil er wenigstens belustigend ist?

...wieviel Personen sind wohl in der Geschichte so allgemein bekannt, daß man sie nur nennen dürfte, um sogleich bei einem jeden den Begriff von der ihnen zukommenden Denkungsart und andern Eigenschaften zu erwecken?

...Man setze, in der Fabel von dem Wolfe und dem Lamme, anstatt des Wolfes den Nero, anstatt des Lammes den Britannicus, und die Fabel hat auf einmal alles verloren, was sie zu einer Fabel für das ganze menschliche Geschlecht macht. Aber man setze anstatt des Lammes und des Wolfes den Riesen und den Zwerg, und sie verliert schon weniger, denn auch der Riese und der Zweig sin Individua, Charakter, ohne weitere Hinzutuung, ziemlich aus der Benennung erhellet.

...Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntnis eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere Erkenntnis mehr als die Leidenschaften. Folglich muß der Fabulist die Erregung der Leidenschaften soviel als möglich vermeiden. Wie kann er aber anders z. B. die Eregung des Mitleids vermeiden, als wenn er die Gegenstände desselben unvollkommener macht und anstatt der Menschen Tiere oder noch geringere Geschöpfe annimmt?" (aus: G. E. Lessing, Abhandlungen über die Fabel)

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  1. Lachen gegen die Dunkelheit – Klassiker der deutschen Satire : Die Verwandlung, Die Legende vom heiligen Trinker, Der Untertan, Ein Hungerkünstler, Till Eulenspiegel, Die Stadt ohne Juden

    Franz Kafka, Heinrich Mann, Jean Paul, Gotthold Ephraim Lessing, Heinrich von Kleist, Theodor Fontane, Ödön von Horváth, Ludwig Thoma, Erich Mühsam, Joseph Roth, Hugo Bettauer, Georg Christoph Lichtenberg, Ludwig Tieck, Wilhelm Busch, Sebastian Brant, Hans Jakob von Grimmelshausen, Hermann Bote

  2. Wilhelm Busch / Gebrüder Grimm - Max und Moritz / Der goldene Vogel

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  3. 3.5

    Die schwarze Prinzessin

    Wilhelm Busch

  4. Gekürzt

    Bibliothek der Klassiker: Deutsche Balladen 8 : Werke von Theodor Fontane, Moritz von Strachwitz, Hermann Lingg, Paul Heyse, Wilhelm Raabe, Rudolf Baumbach und Wilhelm Busch.

    Theodor Fontane, Wilhelm Raabe, Wilhelm Busch

  5. 1. März

    Lyrikalische Bibliothek

    Heinrich Heine, Annette von Droste-Hülshoff, Charles Baudelaire, John Keats, Rainer Maria Rilke, Georg Heym, Wilhelm Busch, Arno Holz, Johann Wolfgang von Goethe, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Georg Trakl, Ludwig Tieck, Stefan Zweig, Hugo von Hoffmannsthal, Edgar Allan Poe, Frank Wedekind, Franz Werfel, Wolfgang Borchert, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Friedrich Nietzsche, Else Lasker-Schüler, Ludwig Kalisch, Jakob van Hoddis, Joseph von Eichendorff, Gotthold Ephraim Lessing

  6. Lyrikalische Lesung Episoden 86-90

    Edgar Allan Poe, Wilhelm Busch, Georg Heym, Frank Wedekind, Franz Werfel

  7. Wilhelm Busch: Es sitzt ein Vogel auf dem Leim : Ausgewählte Gedichte

    Wilhelm Busch

  8. Lyrikalische Lesung Episoden 66-70

    John Keats, Wilhelm Busch, Ludwig Tieck, Rainer Maria Rilke, Johann Wolfgang von Goethe

  9. Lyrikalische Lesung Episoden 61-65

    Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz, Arno Holz, John Keats, Charles Baudelaire, Annette von Droste-Hülshoff, Else Lasker-Schüler, Georg Heym, Heinrich Heine

  10. Lyrikalische Lesung Episoden 56-60

    Johann Wolfgang von Goethe, John Keats, Annette von Droste-Hülshoff, Arno Holz, Wilhelm Busch, Georg Heym, Heinrich Heine, Franz Werfel, Charles Baudelaire, Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal, Edgar Allan Poe

  11. Lyrikalische Lesung Episoden 51-55

    Frank Wedekind, Rainer Maria Rilke, Georg Heym, Charles Baudelaire, Annette von Droste-Hülshoff, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Arno Holz, Wilhelm Busch, Heinrich Heine, Stefan Zweig, Georg Trakl, Friedrich Nietzsche, Ludwig Tieck, Edgar Allan Poe

  12. Lyrikalische Lesung Episoden 46-50

    Ludwig Kalisch, Else Lasker-Schüler, Annette von Droste-Hülshoff, Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire, Hugo von Hoffmannsthal, Arno Holz, John Keats, Heinrich Heine, Karl Kraus, Georg Heym, Joachim Ringelnatz, Ludwig Tieck, Franz Werfel, Kurt Tucholsky, Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Maria Rilke, Jakob van Hoddis, Wilhelm Busch