Eine Vielzahl von Erzähldetails des Markusevangeliums lassen sich bei näherem Hinsehen als chiffrierte Referenzen, d.h. als bewusst vage gehaltene Anspielungen, auf das Ritual des römischen Triumphzugs lesen. Diese Allusionen entwerfen für die Erzählfigur des markinischen Jesus vor dem Hintergrund des Triumphzugs eine Doppelrolle: Im Geschick der Gestalt Jesus werden sowohl die Figur des siegreichen Triumphators wie die des im Triumphzug hinzurichtenden königlichen Gefangenen sichtbar. Auf diese Weise entsteht für die Erstleserinnen und -leser des Markusevangeliums das irritierende Konzept eines gekreuzigten Triumphators. Bilder von Hoheit und Niedrigkeit, Sieg und Niederlage, Tod und Leben überlagern sich. Und gerade im scheinbaren Scheitern am Kreuz sollen die Leser einen Triumphator entdecken: eine christologische Herausforderung erster Güte.In seiner Studie identifiziert und untersucht Markus Lau diese markinischen Allusionen auf das Ritual des römischen Triumphzugs unter Rekurs auf ein breites exegetisches Methodenspektrum und interpretiert diese Anspielungen im Blick auf ihre literarische Funktionalität. Das Phänomen der uneindeutigen Anspielung wird dabei literaturwissenschaftlich und wissenschaftstheoretisch reflektiert, um die Plausibilität der Behauptung chiffrierter Referenzen im exegetischen Diskurs nachzuweisen. Eine kulturgeschichtlich ausgerichtete und ritualtheoretisch fundierte Darstellung des römischen Triumphzugs liefert die Basis, um die Allusionen auf den Triumphzug im Markustext zu entdecken, die in der Passionsgeschichte ihren inhaltlichen Schwerpunkt haben, sich aber auch im Rahmen einer erneuten Lektüre des Evangeliums, auf die der Text angesichts seines offenen Endes geradezu angelegt ist, im literarischen "Galiläa" des Markus und auf dem Weg nach "Jerusalem" entdecken lassen. Kritik an einer staatstragenden rituellen Institution des Imperium Romanum zu üben, ist dabei nur eine Funktion der Anspielungen. Sie transportieren zugleich eine herausfordernde christologische Botschaft und konturieren das markinische Verständnis von Jesusnachfolge.
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Autor*in:
Reihe:
Band 114 in Novum Testamentum et Orbis Antiquus / Studien zur Umwelt des Neuen TestamentsSprache:
Deutsch
Format:

Kaiserkult in Kleinasien : Die Entwicklung der kultisch-religiösen Kaiserverehrung in der römischen Provinz Asia von Augustus bis Antoninus Pius

Affekt und Glaube : Studien zur Historischen Psychologie des Frühjudentums und Urchristentums

Neutestamentliche Grenzgänge : Symposium zur kritischen Rezeption der Arbeiten Gerd Theißens

Weihnachtspolitik : Lukas 1-2 und das Goldene Zeitalter

Ancient Christian Interpretations of "Violent Texts" in the Apocalypse

Frühes Christentum und Religionsgeschichtliche Schule : Festschrift zum 65. Geburtstag von Gerd Lüdemann

Jesus – Gestalt und Gestaltungen : Rezeptionen des Galiläers in Wissenschaft, Kirche und Gesellschaft

Ein neues Geschlecht? : Entwicklung des frühchristlichen Selbstbewusstseins

Zwischen Synoptikern und Gnosis – ein viertes Evangelium : Studien zum Johannesevangelium und zur Gnosis

The Other Side: Apocryphal Perspectives on Ancient Christian "Orthodoxies"

Ecce Agnus Dei : Rezeptionsästhetische Untersuchung zum neutestamentlichen Gotteslamm in der bildenden Kunst

