Hermann Brochs "Sämtliche Romane" versammelt ein prosaisches Gesamtwerk, in dem sich die geistige Krise Europas zwischen Spätkaiserreich, Erstem Weltkrieg und Nationalsozialismus in formal neuartiger Weise spiegelt. Von der kulturgeschichtlichen Analyse der "Schlafwandler" über die erkenntniskritische "Unbekannte Größe" bis zur sprachphilosophisch verdichteten Vision in "Der Tod des Vergil" verbindet Broch erzählerische Handlung mit essayistischen, philosophischen und lyrischen Passagen. Sein Stil ist zugleich präzise und polyphon: Er untersucht den Zerfall verbindlicher Werte, die Verselbstständigung gesellschaftlicher Systeme und die Möglichkeiten von Kunst angesichts historischer Gewalt. Damit gehört er zu den bedeutendsten deutschsprachigen Vertretern der literarischen Moderne. Broch, 1886 in Wien geboren, entstammte zunächst der industriellen Welt und wandte sich erst vergleichsweise spät ganz der Literatur zu. Seine Ausbildung und Tätigkeit als Ingenieur, seine intensive Beschäftigung mit Mathematik, Philosophie und Psychoanalyse sowie die politischen Erschütterungen seiner Zeit prägten sein Denken nachhaltig. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte er in die Vereinigten Staaten. Aus dieser Erfahrung von kulturellem Bruch, Entwurzelung und moralischer Orientierungslosigkeit erwuchs sein literarisches Projekt: eine Dichtung, die historische Wirklichkeit nicht nur darstellen, sondern in ihren geistigen Voraussetzungen begreifen wollte. Diese Ausgabe empfiehlt sich allen Lesern, die den modernen Roman als Denkform entdecken möchten. Brochs anspruchsvolle, gelegentlich hermetische Texte verlangen Konzentration, belohnen sie jedoch mit außergewöhnlicher historischer Tiefenschärfe und stilistischer Kühnheit. Das Werk eröffnet einen maßgeblichen Zugang zu den Fragen nach Wahrheit, Verantwortung und der Zukunft der Humanität.

Hermann Broch - Sämtliche Romane : Europäische Moderne zwischen Wertezerfall, Erkenntnistheorie und philosophischer Bewusstseinsdarstellung
Geschrieben von Hermann Broch










