Heiterer Heinrich Heine

Witz und Schmerz des heiteren Heinrich Heine

Heinrich Heine: einer der berühmtesten Dichter der Deutschen, zugleich ein Poet, dem schon zu Lebzeiten (und erst recht von der Nachwelt) zwiespältig, oft feindselig begegnet wurde. Nicht nur die Zensurbehörden verfolgten ihn, sondern all jene, denen er zu aufsässig, zu witzig, zu frech, zu schlüpfrig war. Viele Deutsche sangen Heines Lieder (keines inniger als die berühmte "Loreley"). Große Komponisten haben seine Gedichte vertont: Franz Schubert und Robert Schumann, Richard Wagner und Johannes Brahms, Carl Loewe und Hugo Wolf. Man sang Heine, schwelgte in seiner Poesie. Aber man tadelte seine Ironie, nahm Anstoß an seinem Witz. Bis die Nazis seine Bücher verbrannten.

"Kein anderer Dichter", schrieb Hermann Kesten, "wurde so beharrlich von seinem eigenen Volk verfolgt, verleumdet und ausgestoßen. Viele hassten ihn, weil Heine ein Jude unter unzulänglichen Christen und falschen Heiden war. Seine Feinde hassten ihn auch darum, weil Heine der witzigste Deutsche war. Leider nehmen allzu viele Deutsche den Witz übel und grollen ihren Satirikern, statt mit ihnen zu lachen."

Man muss solche Sätze zitieren, gerade bei einer Auswahl, die "Heiterer Heinrich Heine" betitelt ist. Heine war ein Humorist, aber sein Humor dient der Notwehr und zuweilen auch der Angriffslust. Seine Heiterkeit überspielt niemals sein Unglück, vor allem nicht seine unglückliche Liebe zu Deutschland. Und im Gelächter über seine Witze und komischen Grimassen kann man die tiefen Schmerzen nicht verkennen, die noch aus seinen übermütigsten Versen sprechen. Man nehme nur das Sonett "Gib her die Larv, ich will mich jetzt maskieren" aus dem "Buch der Lieder", das in den düster-unheimlichen Schlussakkord mündet: "Denn wollt ich mich entmummen, / So müsste all das Galgenpack verstummen." Nietzsche schrieb: "Was wüsste deutsches Hornvieh mit den délicatesses einer solchen Natur anzufangen!"

Noch heute nach zweihundert Jahren, ist Heine ein deutscher Zwiespalt oder, wie auch gesagt worden ist, eine deutsche Wunde. Er war ein Dichter voller Widersprüche, wie seine ganze Epoche gebildet aus Kontrasten und Konflikten. Er war ein Poet und ein politischer Mensch, ein Dichter von Liedern, die reine Musik waren, und der treffsicherste Satiriker, ein Romantiker und ein Revolutionär. Der Romantik lauschte er ihre innigen und sinnigen Reize ab, um sie gleichzeitig ins Ätzwasser der Ironie zu tauchen. Der politische Heine ist ein Kapitel für sich: hier anspielungsreich repräsentiert durch die Auszüge aus den "Memoiren des Herren von Schnabelewobski", das Fragment eines satirischen Schelmenromans, der die politischen Übel durch die "Religion der Freude", die Sinneslust zu lindern und zu heilen versucht. Richard Wagner zog aus dem Büchlein den Stoff für seinen "Fliegenden Holländer".

Ein anderes Kapitel ist der Artist Heine, der virtuos mit den Tönen, Klängen und Assonanzen spielt und selbst triviale Sujets ("Ein Jüngling liebt ein Mädchen") ins Artifizielle ummodelt. Heine hat dem deutschen Gedicht eine sinnliche Glut gegeben, die man daneben allenfalls bei Brentano findet. Nochmals sei Nietzsche zitiert: "Ich suche umsonst in allen Reichen die Jahrtausende nach einer gleich süßen und leidenschaftlichen Musik. Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag." In unserer Auswahl ist "Der Ritter Tannhäuser" das beste Beispiel dieser Kunst, geradezu ein Prisma Heine'scher Techniken und Themen, von Poesie und Prosaik, christlicher Verdächtigung und antiker Verherrlichung des Erotischen, asketischer Weltflucht und sinnlicher Libertinage. Auch diesen Stoff hat Wagner in ein bedeutendes (und sehr deutsches) Künstler-Drama verwandelt. Entscheidendes ging dabei verloren: Heines Witz, sein sardonisches Lachen, der Schatten des ennui, die Bosheit unter Tränen.

Text: Hanjo Kesting, 1997

À propos de ce livre

Witz und Schmerz des heiteren Heinrich Heine

Heinrich Heine: einer der berühmtesten Dichter der Deutschen, zugleich ein Poet, dem schon zu Lebzeiten (und erst recht von der Nachwelt) zwiespältig, oft feindselig begegnet wurde. Nicht nur die Zensurbehörden verfolgten ihn, sondern all jene, denen er zu aufsässig, zu witzig, zu frech, zu schlüpfrig war. Viele Deutsche sangen Heines Lieder (keines inniger als die berühmte "Loreley"). Große Komponisten haben seine Gedichte vertont: Franz Schubert und Robert Schumann, Richard Wagner und Johannes Brahms, Carl Loewe und Hugo Wolf. Man sang Heine, schwelgte in seiner Poesie. Aber man tadelte seine Ironie, nahm Anstoß an seinem Witz. Bis die Nazis seine Bücher verbrannten.

"Kein anderer Dichter", schrieb Hermann Kesten, "wurde so beharrlich von seinem eigenen Volk verfolgt, verleumdet und ausgestoßen. Viele hassten ihn, weil Heine ein Jude unter unzulänglichen Christen und falschen Heiden war. Seine Feinde hassten ihn auch darum, weil Heine der witzigste Deutsche war. Leider nehmen allzu viele Deutsche den Witz übel und grollen ihren Satirikern, statt mit ihnen zu lachen."

Man muss solche Sätze zitieren, gerade bei einer Auswahl, die "Heiterer Heinrich Heine" betitelt ist. Heine war ein Humorist, aber sein Humor dient der Notwehr und zuweilen auch der Angriffslust. Seine Heiterkeit überspielt niemals sein Unglück, vor allem nicht seine unglückliche Liebe zu Deutschland. Und im Gelächter über seine Witze und komischen Grimassen kann man die tiefen Schmerzen nicht verkennen, die noch aus seinen übermütigsten Versen sprechen. Man nehme nur das Sonett "Gib her die Larv, ich will mich jetzt maskieren" aus dem "Buch der Lieder", das in den düster-unheimlichen Schlussakkord mündet: "Denn wollt ich mich entmummen, / So müsste all das Galgenpack verstummen." Nietzsche schrieb: "Was wüsste deutsches Hornvieh mit den délicatesses einer solchen Natur anzufangen!"

Noch heute nach zweihundert Jahren, ist Heine ein deutscher Zwiespalt oder, wie auch gesagt worden ist, eine deutsche Wunde. Er war ein Dichter voller Widersprüche, wie seine ganze Epoche gebildet aus Kontrasten und Konflikten. Er war ein Poet und ein politischer Mensch, ein Dichter von Liedern, die reine Musik waren, und der treffsicherste Satiriker, ein Romantiker und ein Revolutionär. Der Romantik lauschte er ihre innigen und sinnigen Reize ab, um sie gleichzeitig ins Ätzwasser der Ironie zu tauchen. Der politische Heine ist ein Kapitel für sich: hier anspielungsreich repräsentiert durch die Auszüge aus den "Memoiren des Herren von Schnabelewobski", das Fragment eines satirischen Schelmenromans, der die politischen Übel durch die "Religion der Freude", die Sinneslust zu lindern und zu heilen versucht. Richard Wagner zog aus dem Büchlein den Stoff für seinen "Fliegenden Holländer".

Ein anderes Kapitel ist der Artist Heine, der virtuos mit den Tönen, Klängen und Assonanzen spielt und selbst triviale Sujets ("Ein Jüngling liebt ein Mädchen") ins Artifizielle ummodelt. Heine hat dem deutschen Gedicht eine sinnliche Glut gegeben, die man daneben allenfalls bei Brentano findet. Nochmals sei Nietzsche zitiert: "Ich suche umsonst in allen Reichen die Jahrtausende nach einer gleich süßen und leidenschaftlichen Musik. Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag." In unserer Auswahl ist "Der Ritter Tannhäuser" das beste Beispiel dieser Kunst, geradezu ein Prisma Heine'scher Techniken und Themen, von Poesie und Prosaik, christlicher Verdächtigung und antiker Verherrlichung des Erotischen, asketischer Weltflucht und sinnlicher Libertinage. Auch diesen Stoff hat Wagner in ein bedeutendes (und sehr deutsches) Künstler-Drama verwandelt. Entscheidendes ging dabei verloren: Heines Witz, sein sardonisches Lachen, der Schatten des ennui, die Bosheit unter Tränen.

Text: Hanjo Kesting, 1997

Commencez ce livre dès aujourd'hui pour 0 €

  • Accédez à tous les livres de l'app pendant la période d'essai
  • Sans engagement, annulez à tout moment
Essayer gratuitement
Plus de 52 000 personnes ont noté Nextory 5 étoiles sur l'App Store et Google Play.

  1. Lyrikalische Bibliothek

    Heinrich Heine, Annette von Droste-Hülshoff, Charles Baudelaire, John Keats, Rainer Maria Rilke, Georg Heym, Wilhelm Busch, Arno Holz, Johann Wolfgang von Goethe, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Georg Trakl, Ludwig Tieck, Stefan Zweig, Hugo von Hoffmannsthal, Edgar Allan Poe, Frank Wedekind, Franz Werfel, Wolfgang Borchert, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Friedrich Nietzsche, Else Lasker-Schüler, Ludwig Kalisch, Jakob van Hoddis, Joseph von Eichendorff, Gotthold Ephraim Lessing

  2. Reise nach Italien

    Heinrich Heine

  3. 3.0

    Die Harzreise

    Heinrich Heine

  4. Sobre la historia de la religión y la filosofía en Alemania La escuela romántica

    Heinrich Heine

  5. Cuadros de viaje; Los dioses en el exilio

    Heinrich Heine

  6. Die Harzreise. Ein Reisebericht. : Hörbuchzeit: Klassiker der Weltliteratur

    Hörbuchzeit, Heinrich Heine

  7. Heinrich Heine: Auf Flügeln des Gesanges : Ausgewählte Gedichte

    Heinrich Heine

  8. Lyrikalische Lesung Episoden 61-65

    Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz, Arno Holz, John Keats, Charles Baudelaire, Annette von Droste-Hülshoff, Else Lasker-Schüler, Georg Heym, Heinrich Heine

  9. Lyrikalische Lesung Episoden 56-60

    Johann Wolfgang von Goethe, John Keats, Annette von Droste-Hülshoff, Arno Holz, Wilhelm Busch, Georg Heym, Heinrich Heine, Franz Werfel, Charles Baudelaire, Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal, Edgar Allan Poe

  10. Lyrikalische Lesung Episoden 51-55

    Frank Wedekind, Rainer Maria Rilke, Georg Heym, Charles Baudelaire, Annette von Droste-Hülshoff, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Arno Holz, Wilhelm Busch, Heinrich Heine, Stefan Zweig, Georg Trakl, Friedrich Nietzsche, Ludwig Tieck, Edgar Allan Poe

  11. Lyrikalische Lesung Episoden 46-50

    Ludwig Kalisch, Else Lasker-Schüler, Annette von Droste-Hülshoff, Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire, Hugo von Hoffmannsthal, Arno Holz, John Keats, Heinrich Heine, Karl Kraus, Georg Heym, Joachim Ringelnatz, Ludwig Tieck, Franz Werfel, Kurt Tucholsky, Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Maria Rilke, Jakob van Hoddis, Wilhelm Busch

  12. Lyrikalische Lesung Episoden 41-45

    Karl Kraus, Charles Baudelaire, Rainer Maria Rilke, Wolfgang Borchert, Georg Trakl, Wilhelm Busch, John Keats, Georg Heym, Annette von Droste-Hülshoff, Else Lasker-Schüler, Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe, Arno Holz, Friedrich Nietzsche, Stefan Zweig, Ludwig Tieck, Frank Wedekind, Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern