"Adeline" führt in eine von Geheimnissen, Bedrohungen und moralischen Prüfungen geprägte Welt, in der sich die empfindsame Heldin gegen soziale Zwänge und scheinbar übernatürliche Schrecken behaupten muss. Der Roman verbindet die Gothic Novel mit der empfindsamen Literatur des späten 18. Jahrhunderts: düstere Schauplätze, verschlossene Räume, Familiengeheimnisse und dramatische Enthüllungen erzeugen Spannung, während sich hinter dem Schauerlichen eine rational erklärbare Ordnung abzeichnet. Radcliffes kunstvolle Landschaftsbeschreibungen und die Ästhetik des Erhabenen verleihen der Handlung eine psychologische Dimension; Angst erscheint zugleich als äußere Gefahr und als Ausdruck innerer Konflikte. Damit steht das Werk exemplarisch für jene Literatur, die Unterhaltung, moralische Reflexion und eine Kritik patriarchaler Machtverhältnisse miteinander verbindet. Ann Radcliffe (1764–1823) gilt als eine der maßgeblichen Begründerinnen des englischen Schauerromans. Ihre Romane entstanden in einer Epoche, die von wachsendem Interesse an Gefühl, individueller Freiheit und den dunklen Seiten der Vernunft geprägt war. Radcliffe nutzte das Genre, um die eingeschränkte Stellung von Frauen, die Willkür gesellschaftlicher Autoritäten und die Spannung zwischen Aberglauben und Aufklärung literarisch zu untersuchen. "Adeline" lässt sich vor diesem Hintergrund als frühes beziehungsweise unter ihrem Namen überliefertes Beispiel ihrer poetischen und moralischen Programmatik lesen. Empfohlen sei das Buch allen, die den Ursprung der europäischen Gothic Fiction verstehen möchten. Leserinnen und Leser finden hier nicht nur atmosphärischen Nervenkitzel, sondern auch eine präzise Studie über Angst, Tugend, weibliche Selbstbehauptung und die Macht des Erzählens.

Adeline : Eine empfindsame Gothic-Erzählung über weibliche Bedrängnis, Geheimschrift, Ruinenlandschaften und die Suche nach legitimer Identität
Geschrieben von Ann Radcliffe











