Die Behauptung, bei den Opfern der Hexenprozesse habe es sich um „weise Frauen“ gehandelt, deren Wissen auf das Erbe „unserer“ germanischen Vorfahren zurückgehe, kann zweifellos als nachhaltigster Topos populärer Hexenvorstellungen gelten. Dabei ist längst bekannt, dass es sich hier lediglich um eine romantische Erfindung handelt. Was aber macht den Mythos der weisen Frau dennoch so attraktiv, dass er bis heute immer wieder reproduziert wird? Die Studie rekonstruiert anhand eines umfangreichen Textkorpus aus dem 19. und 20. Jahrhundert Entstehung, Geschichte und Funktion dieses Topos. Nachhaltige Bedeutung kommt dabei den neureligiösen und esoterischen Strömungen der Moderne zu. Im Zentrum der Untersuchung stehen völkische Bewegung, Neuheidentum und spiritueller Feminismus: Die in diesen scheinbar so differenten Kontexten verbreiteten Hexenrekurse weisen analoge Deutungsmuster auf, die auf tradierte Interpretationen des 19. Jahrhunderts zurückgehen. So entpuppt sich die verfolgte germanische weise Frau als literarische Fiktion der Romantik. Anhand wiederkehrender symbolischer Verknüpfungen zeigt sich schließlich die Funktion dieses Mythos als Projektionsfläche romantischer Naturauffassungen, polarer Geschlechtermodelle und moderner Entwürfe einer scheinbar authentischen religiösen Tradition. Von konstitutiver Bedeutung ist in diesen Kontexten aber vor allem die radikale Ablehnung des Christentums. Nicht nur in völkischen und neuheidnischen, sondern auch in feministischen Hexendarstellungen haben sich in diesem Zusammenhang wiederholt antisemitische Denkfiguren bemerkbar gemacht, die als antichristlicher Antisemitismus charakterisiert und analysiert werden könne.
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Autor*in:
Reihe:
Band 613 in Epistemata LiteraturwissenschaftSprache:
Deutsch
Format:

Ach, nur ‘n bisschen Liebe : Männliche Homosexualität in den Romanen deutschsprachiger Autoren in der Zwischenkriegszeit 1919 bis 1939

Spuren : Karl Philipp Moritz in der Literatur und Kultur um 1800

»Schon liefert meine Muse mir mit süßlicher Stimme ihr Thema; es lautet: Mensch ohne Leib, sowie Leib ohne Mensch«

Natur und Nation : Landschaft als Ausdruck nationaler Identität im 19. Jahrhundert – der Rhein und der Hudson River

Ehe um 1800 : Ein Beitrag zur Wissensgeschichte

Neofantastik : Die Evolution fantastischen Erzählens im 20. Jahrhundert

Erlösung der Welt durch Essayismus : Robert Musils literarisches Denken im Kontext der Modernekritik

Ko-Operationen : Zur literarischen Produktionsgemeinschaft von Clemens Brentano und Luise Hensel

Die Kunst der Selbstoffenbarung bei Deborah Levy und Annie Ernaux : Form, Funktion und Grenzen autobiografischer Exposition

Sprache als Musik? : Die Normierung des Sprechens und die Deklamationsbewegung um 1800

Ehe, Familie und Emanzipation : Erfolgsromane von Frauen zwischen 1850 und 1900

